1904‑1984

 80 Jahre Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr Michelstadt

 von Stadtbrandinspektor Gerd Beller

 

Der Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr Michelstadt kann auf eine langjährige Tradition zurückblicken. Die Gründung geht bis in das Jahr 1904 zurück. Aus anfänglichen Schwierigkeiten hat sich der Spielmannszug in den kommenden Jahren hervorragend entwickelt. Dem Spielmannszug wurde 1919 die Feuerwehrkapelle angegliedert, die auf Anregung des damaligen Kommandanten Jakob Löb im Gasthaus »Zum Ochsen« gegründet wurde. Erster Kapellmeister war der leider allzu früh verstorbene Hermann Schulze. Die Kapelle und der Spielmannszug fanden in der Bevölkerung viel Sympathie und waren weit über die Heimatstadt hinaus bekannt und angesehen. Das erste gemeinsame Auftreten der neu gegründeten Feuerwehrkapelle mit dem Spielmannszug war beim Feuerwehrfest in Würzberg. Die Proben des Spielmannszuges fanden im Gasthaus »Zum Ochsen« statt, dessen Besitzer Wilhelm Bauer, war Brandmeister der Freiwilligen Feuerwehr. Mitglieder des Spielmannszuges waren zu diesem Zeitpunkt unter anderem Wilhelm Hoffmann, Peter Arzt, Philipp Eckart, Wilhelm Haußner, Fritz Hoffarth, Emil Kräußlich, Johann Löb, Johannes Luft, Ludwig Möllinger und Peter Schmitt. In den 30er‑ und 40er Jahren gab es einen neuen Aufschwung für den Spielmannszug,

 

Der Spielmannszug beim 100-jährigen Gründungsfest 1969

 

der hauptsächlich dem Stabführer Leonhard Rösinger zu verdanken war. Zu diesem Zeitpunkt waren unter anderem Fritz Croissant, Friedel Steiner, Christian Beck, Fritz Eckert, Jakob Vonderschmidt und Ludwig Kaffenberger besonders engagierte Spielleute.

 

Durch die Kriegsjahre wurde der Spielmannszug allmählich, ebenso wie die Feuerwehrkapelle, aufgelöst. Erst 1947 fanden sich aus denen, die den Krieg überlebt hatten und wieder heimgekehrt waren, einige Kameraden, die zum Wiederaufbau einer leistungsfähigen Feuerwehrkapelle und eines Spielmannszuges bereit waren. Mitte der 50er Jahre trat eine starke Verjüngung innerhalb des Spielmannszuges ein. Zu diesem Zeitpunkt wurden unter anderen die Kameraden Heinz Löffler, Helmut Möller und Helmut Kräußlich in den Spielmannszug aufgenommen.

 

Sie waren bei der Wiederbelebung des Zuges im Jahre 1966 maßgeblich beteiligt. Mitte der 50er Jahre war Franz Schmidt als Stabführer der Leiter des Spielmannszuges. Bei der Einweihung des neuen Feuerwehrhauses im Jahre 1953 beteiligte sich der Spielmannszug am Weckruf und gestaltet gemeinsam mit der Feuerwehrkapelle die Feierstunde. Im November 1954 haben sich sieben Jugendliche zur Mitwirkung beim Spielmannszug angemeldet. Wegen der hohen Kosten wurde die Einkleidung mit Uniformen bis zum kommenden Jahr 1955 zurückgestellt. In der Jahreshauptversammlung am 19. März 1955 im Gasthaus »Drei Hasen« setzt der Spielmann Christian Beck die Versammlung davon in Kenntnis, dass es dem Spielmannszug infolge des Weggangs von 6 jüngeren Spielleuten zu dem neu aufgestellten Fanfarenzug nicht mehr möglich ist, zu spielen. Den intensive Bemühungen des Vorstandes unter dem neuen Vorsitzenden Heinrich Siefert war es zu verdanken, dass nach einer Mitgliederwerbeaktion der Spielmannszug am 3. Januar 1957 wieder mit den Übungsstunden begann. Die nun neu geschaffenen Aktivitäten waren jedoch nicht von langer Dauer. Durch Interesselosigkeit und das Fehlen einer geeigneten Führungs‑ und Ausbildungskraft wurde das gerade wieder Aufgebaute zerstört und der Spielmannszug aufgelöst. Das Jahr 1960 bedeutete das Ende der über 40 Jahre bestehenden Feuerwehrkapelle.

 

Auf Initiative des damaligen 1. Vorsitzenden Heinrich Siefert und des Ortsbrandmeisters Willi Pfeifer wurde durch den Kameraden Horst Ammerbach die Wiedergründung des Spielmannszuges vorgenommen. Der Feuerwehrvorstand fasste in der Sitzung am 18. Juli 1966 den Beschluss zur Wiederbelebung des Spielmannszuges und der damit verbundenen Anschaffung von Instrumenten. Von den ehemaligen Spielleuten waren die Kameraden Heinz Löffler, Helmut Möller, Ludwig Trumpfheller und Helmut Kräußlich wieder mit Begeisterung bei der Sache. Als Ausbilder und Gesamtleiter des Spielmannszuges konnte Karl Bansbach gewonnen werden. Den vielfach Initiativen und der allgemeinen Unterstützung war es zu verdanken, dass zum Jahresball am 26. November 1966 im »Schmerkers Garten« der Spielmannszug seinen ersten Auftritt vornehmen konnte. Neben dem Stabführer Horst Ammerbach waren die Spielleute Heinz Löffler, Helmut Möller, Ludwig Trumpfheller, Norbert Grasmück, Helmut Heim, Helmut Kräußlich, Gustav Weitz, Heinz Vetter, Heinz Germann, Philipp Weitz, Walter Pfeifer, Klaus Dieter Ammerbach, Jürgen Ammerbach und der Ausbilder Karl Bansbach beteiligt. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten und der Skepsis innerhalb der Wehr konnte sich der Spielmannszug als ein Aushängeschild nicht nur für die Stadt Michelstadt und die Feuerwehr entwickeln.

 

Beim 100‑jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr im Jahre 1969 übernahm der Spielmannszug die musikalische Umrahmung der Festveranstaltungen und erhielt durch Bürgermeister Erwin Hasenzahl eine Standarte. Der Spielmannszug bestand beim 100‑jährigen Gründungsfest aus 16 Spielleuten. Durch eine intensive Mitgliederwerbung konnte Anfang der 70er Jahre die Zugstärke auf 24 Spielleute erhöht werden. Nach dem Tod des Ausbilders Karl Bansbach konnten zwei Ausbilder aus Fränkisch‑Crumbach für eine Übergangsphase gewonnen werden. Die Ausbildung der Spielleute übernahm nun Heinz Löffler sowie Ludwig Siefert der Stabführer des Spielmannszuges aus Vielbrunn. Mit Unterstützung der Feuerwehr konnten weitere Musikinstrumente angeschafft werden. Der Spielmannszug hatte sich nunmehr als fester Bestandteil in der Stadt sowie im Landkreis etabliert. Neben der Beteiligung bei Feuerwehrveranstaltungen zeigte er insbesondere beim Bienenmarkt, bei Festumzügen im Odenwaldkreis und anderen Gelegenheiten sein Können. Ende der 70er Jahre konnte die Zugstärke weiter erhöht werden. Besondere Verbindungen wurden mit den Feuerwehrkameraden aus der Partnerstadt Rumilly in Frankreich geknüpft. Besuche des Spielmannszuges in Rumilly und Gegenbesuche in Michelstadt sind Zeichen für die freundschaftlichen Beziehungen beider Wehren. Nunmehr begann auch die verstärkte Beteiligung an Wertungs‑ und Kritikspielen auf Kreisebene. Beim 100‑jährigen Jubiläumsfest der Freiwilligen Feuerwehr Erbach konnte der Spielmannszug 1979 in der A‑Klassen Wertung den 1. Platz erreichen und wurde somit Sieger des Kreiswertungsspielens. Der Spielmannszug weilte im Jahre 1980 ein weiteres Mal in der Partnerstadt Rumilly und förderte damit die deutsch‑französischen Verbindungen. Beim dritten Wertungsspielen der Spielmannszüge des Odenwaldkreises in Brensbach gelang im Jahre 1981 ein dritter Platz mit dem Gewinn der Silbermedaille. Die durch den Stabführer Horst Ammerbach geknüpften Verbindungen mit dem Spielmannszug aus Friedrichstadt/Nordfriesland konnten bei einem Besuch im Jahre 1981 erwidert werden. Mit Helmut Möller, Heinz Vetter, Heinz Löffler, Ludwig Trumpfheller, Helmut Heim und Horst Ammerbach konnten ebenfalls im Jahre 1981 die ersten Spielleute des Spielmannszuges mit dem Ehrenzeichen für Feuerwehrmusiker in Bronze ausgezeichnet werden. Durch Besuche von Lehrgängen war eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit möglich. Bei den vierten Kreiswertungsspielen, verbunden mit dem dritten Bezirkswertungsspielen in Breuberg‑Neustadt konnte der Spielmannszug in der A‑Klasse wiederum die Silber‑Medaille erringen. Diese Leistung war umso höher einzuschätzen, da fast 2/3 der Teilnehmer aus Städten außerhalb des Odenwaldkreises kamen. Der Beginn des Jubiläumsjahres 1984 mit dem 80‑jährigen Bestehen des Spielmannszuges brachte einen Wechsel an der Spitze des Zuges, als Hans‑Peter Orth zum Nachfolger von Horst Ammerbach als Stabführer gewählt wurde. Für die Ausbildung zeichnet nunmehr bereits seit 10 Jahren Heinz Löffler und Ludwig Siefert, Vielbrunn verantwortlich.

 

Dem Spielmannszug ist es mit zu verdanken, dass das Ansehen der Freiwilligen Feuerwehr Michelstadt in der Bevölkerung gestärkt und ausgebaut werden konnte.

Quelle: Festschrift zum 115-jährigen Jubiläum der Feuerwehr Michelstadt im Jahre 1984

 

Chronik 100 Jahre Feuerwehrmusik in Michelstadt
Die Entwicklung bis heute

1983 wechselte die Führung des Spielmannszuges und Hans-Peter Orth wurde zum Stabführer gewählt und hat diese Funktion mit großem Eifer und Pflichtbewusstsein über nahezu 25 Jahre ausgeübt.

1988 wechselte Eberhard Merten aus dem Spielmannszug Vielbrunn als Ausbilder zu uns, weil er die Gemeinschaft der Spielleute hier schätzte und aufnahmebereite Hobbymusiker vorfand „für unerreichbare Ziele" - Zuerst zur Unterstützung, später  als Ausbildungsleiter. Zwischenzeitlich hat er die musikalische Leitung übernommen. Einmal gesteckte Ziele wurden schnell erreicht. Ein Jahr darauf konnte man auf Anhieb sogar den Titel „Tagesbester Spielmannszug" beim Kreiswertungsspielen in Beerfelden erringen.

Das war der Anlass, erste Schritte zu instrumentalen Neuanschaffungen zu unternehmen. Der Schlagzeugapparat wurde mit modernen Konzerttrommeln ausgestattet. Lang gehegte Wünsche nach weiterem Instrumentarium wurden immer deutlicher formuliert, weil man darin eine  Chance erkannte, weitere Ziele zu erreichen.

In den letzten Jahren ist das Instrumentarium des Spielmannszuges völlig erneuert worden. Durch die kostenintensive Anschaffung und den Einsatz von Konzertflöten,  Xylophon, Marimbaphon, Kesselpauken und den unterschiedlichsten Percussion-Instrumenten , bei denen man immer wieder auf die Unterstützung von Stadt, Kreis und Land bauen konnte, ist es uns zwischenzeitlich möglich, Musikstücke nahezu jeder Stilrichtung zu erarbeiten, wobei sich auch schottische Einflüsse durchaus realisieren lassen.

Nachdem auf dieser Basis Aufbauarbeit geleistet wurde, erweitert sich unser Spielmannszug immer mehr auch um nicht-spielmannszug-typische Instrumente, wie Saxophon, Klarinette und Fagott. Diese Instrumente geben dem Michelstädter Spielmannszug einen eigenen Sound und erweitern auch nochmals die Palette des Repertoires, vor allem durch die Verstärkung im Bassbereich.

Zwischenzeitlich finden sich in unserem Repertoire Musikstücke aus den Bereichen „Klassik" (beispielsweise Edvard Grieg’s „In der Halle des Bergkönigs"), Pop (z.B. Herbert Grönemeyer), Musical und Filmmusik („Piraten der Karibik"..). Auch wurden schon Schottische Traditionals und Lateinamerikanische Stücke im Repertoire realisiert.

Dies macht unsere Musikgruppe glücklicherweise auch immer mehr Interessant für Kinder und junge Erwachsene. Denn bei uns kann man kostengünstig an den verschiedensten Instrumenten ausgebildet werden.  Diese erfolgreiche Entwicklung lässt sich auch an dem Zustandkommen abendfüllender Konzerte erkennen. Noch vor wenigen Jahren wäre dies wohl nicht möglich gewesen. Mit Freude verfolgen wir diese positive Entwicklung, die freilich noch viel Ausbildungsarbeit und Übungsfleiß erfordert. Wir sind davon überzeugt dass auf diesem Wege die positive Entwicklung und der Fortbestand unseres Spielmannszuges in die Zukunft gesichert ist.

Wir freuen uns auch über das „Wir-Gefühl", das seit einigen Jahren unter den  Spielmannszügen des Odenwaldkreises wuchs und für das wir uns gerade hier in der Metropole des Kreises immer wieder stark gemacht haben. Immer wieder findet ein reger Austausch zwischen den Spielmannszügen der näheren Umgebung im Odenwald statt und auch gemeinsame Auftritte werden organisiert.

2010 war relativ ruhig. Hier wurden hauptsächlich die Beziehungen zu den Spielmannszügen Sandbach und Erbach intensiviert. Überschattet wurde das Jahr durch Querelen zwischen Spielmannszug und Stabführer am Anfang des Jahres, die jedoch durch interne Ausbildung überbrückt wurden.

Das Jahr 2011 wurde das Jahr der Veränderung.

Nach unregelmäßigen Probenterminen zu Beginn des Jahres hat der musikalische Leiter der vergangenen Jahre, Eberhard Merten, das Amt Ende Februar endgültig nieder gelegt – die Probentätigkeit kam fast völlig zum Erliegen.

Im April wurde dann Olaf Kramarczyk – zuerst versuchsweise – für die Probenarbeit gewonnen. Olaf Kramarczyk ist freiberuflicher Musiklehrer für Klavier, Keyboard, Gitarre, Fagott und Klarinette. Seit einigen Jahren leitet er ein Blasorchester in Hirschhorn, bringt in dieser Beziehung also auch einiges an Erfahrung mit.

Aus heutiger Sicht können wir sagen, dass diese Besetzung eine gute Wahl war. Wir haben nicht nur einen fähigen Leiter sondern auch gleichzeitig einen Musikpädagogen einsetzen können, der Anfängern und Fortgeschrittenen Musikwissen vermitteln kann.

2012 soll komplett dem Wiederaufbau des Spielmannszuges gewidmet werden, da wegen Berufsausbildung und mangelndem Nachwuchs die Spielfähigkeit derzeit stark eingeschränkt ist und bei Auftritten auf Mitglieder externer Spielmannszüge zurückgegriffen werden muss. Diesen Unterstützern gilt auf diesem Weg unser Dank.

Derzeit wird eine engere Zusammenarbeit mit dem Spielmannszug der FFW Erbach, der mit den gleichen Mitglieder-Problemen zu kämpfen hat, praktiziert – zunächst versuchsweise. Interessant hierbei ist, dass beide Spielmannszüge ein sehr unterschiedliches Repertoire aufzubieten haben, was hohe Anforderungen an alle Mitspieler stellt.